Verantwortungslos

Samstag, 14 Uhr: hungriges Deutschland belagert ein Schnellrestaurant in Lörrach. Es ist die Hölle los und überall bilden sich lange Schlangen. Während mein Mann sich in die eine Schlange begibt (um das Essen zu bestellen), versuche ich mit den Kindern schon mal einen freien Tisch zu finden. Mit Servietten und Strohhalmen bewaffnet versuche ich Richtung freie Tische durchzudringen, als plötzlich ein kleines, gefühlte 50cm großes Mädchen auf ihren wackeligen Füßchen vor mir steht. Und auch wenn ich nicht die größte bin hat sie Mühe ihr Gleichgewicht zu halten als sie zu mir hochschaut. Es scheint geschmeckt zu haben: ihr Hemdchen ist mit Cola vollgekleckert und pietschnass. „Na du siehst ja lustig aus“ sage ich lächelnd und bemerke erst dann die Eltern, die in ca. 5m „Sicherheitsabstand“ in dieser Menge stehen und warten dass Ihre Tochter ihnen folgt. Diese sieht es aber anders und rührt sich nicht vom Fleck. Nun mache ich einen Bogen um die Kleine und konzentriere mich wieder auf einen freien Tisch. Für 3 Sekunden bleibe ich stehen und als ich einen Schritt nach vorne mache, ist diese gefühlte 50cm „große Kleine“ die ich soeben überholt habe wieder vor mir, bzw. vor meinen Füßen. Die logische Konsequenz: ich habe sie nicht gesehen, sie verliert das Gleichgewicht und knallt mit dem Köpfchen genau auf die Ecke eines Holzpfostens. Ein Urschrei des Kindes, ich nehme sie geschockt hoch und siehe einer an, die Mama ist auch schon da. Sie schnappt die Kleine und marschiert Richtung Ausgang, der Vater hinterher. Ich stehe mitten in der Menge und fühle mich so mies wie schon lange nicht mehr. Aber das war erst der Anfang. Keine Minute später marschiert die Familie wieder rein – und der Vater des Kindes wirft mir erböste Blicke zu. Die Mutter rast zur Theke und bekommt dort einen Becher mit Eiswürfeln. Die Familie läuft demonstrativ zum Tisch der sich genau vor meinem befindet und ich erblicke eine tiefblaue Riesenbeule auf der Stirn des Mädchens. Ein schreiendes Etwas, die Mutter die krampfhaft versucht ihrem Etwas Eis auf die Stirn zu legen und der Vater der mich permanent so anschaut als würde er mir den Hals umdrehen wollen. „Da sitzt sie, die böse Frau die kleine Kinder umrennt“ steht ihm schon auf der Stirn geschrieben. Ich fange schon an zu zittern: weil mich mein schlechtes Gewissen auffrisst die Kleine so leiden zu sehen und auch die Wut in mir hochsteigt, dass diese jungen Eltern ihr gefühlt 50cm großes Mädchen das sich in ihren ersten Gehversuchen übt mitten in der Menge alleine stehen lassen, ohne sie mal an die Hand oder gleich auf den Arm zu nehmen. Ich fange also schon fast an zu heulen und würde am liebsten rüber gehen und den Eltern ordentlich den Kopf waschen – schließlich war die Kleine erst hinter mir und ich konnte nicht ahnen dass sie innerhalb von 3 Sekunden wieder vor mir steht. Ausserdem kenne ich keinen Menschen der vor jedem seiner Schritte zuerst zum Boden blickt: vielleicht krabbelt, läuft oder wackelt da etwas. Und während mir der Schweiß eiskalt den Rücken runter läuft kommt mein Mann zu uns und meint: „die Kleine sieht ja aus…“ Richtig. Und ich habe sie „umgeschmissen“. Der entsetzte Blick meines Mannes sagt mehr als Tausend Worte und mein Appetit inkl. guter Laune und Wochenendplanung löst sich grade in dieser Riesenbeule auf die am Tisch gegenüber in meine Richtung zeigt. Nun maschiert die Familie wieder raus und bei jedem seiner Schritte schaut mich der Vater des Mädchens mit seinem düsteren Blick an und fängt sogar noch an, mit dem Kopf zu schütteln. Und genau in diesem Moment wurde meine Wut stärker als das schlechte Gewissen und ich fragte mich, ob die jungen Eltern von heute die Verantwortung für Ihre Kinder komplett auf ihre Mitmenschen übertragen. Ganz nach dem Motto: hier läuft ein kleines Kind, also hat jeder darauf aufzupassen bei jedem seiner Schritte, auch wenn dieses kleine Kind kreuz und quer durch die Menge spaziert und durch seine Größe kaum wahrnehmbar ist. Wir alle sind mit kleinen und großen Beulen groß geworden: auch meinen Kindern blieben sämtliche Klinikbesuche in ihrem zarten Alter des Ausprobierens nicht erspart (als sie zum Beispiel testen wollten ob der Tisch wirklich eine harte Platte hat oder die Kurve aus einem Kinderzimmer in das nächste auch mit einer Laufgeschwindigkeit von 30km/h zu meistern ist). Egal wie sehr man aufpasst, Unfälle passieren immer und man kann die Kinder nicht in Watte packen. Aber ich kann mich nicht erinnern meine Laufanfänger mit ihrem knappen Jahr mitten in einem Restaurant in dem grade die Hölle los ist alleine stehen gelassen zu haben. Lassen sie mich nachdenken… die Beule haben eigentlich die Eltern verdient.

 
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