Alles wird gut

Heißer Sommernachmittag Ende August 2016, knappe 37° im Schatten. Ich spüre den heißen Fahrtwind, die Arme meiner mitfahrenden Tochter die sich um mich schlingen, sehe grüne Wiesen an mir vorbeiziehen. Ich genieße ein bisschen Freiheit an diesem Freitag Nachmittag, nach einer harten, arbeitsreichen Woche. Endlich ein paar Stunden frei, nach vielen Wochen durchpowern, während meine Arbeitsberge immer höher werden und mich zu ersticken drohen. In diesem Moment sind sie unwichtig, denn heute habe ich mir meinen großen Wunsch erfüllt – vor wenigen Stunden habe ich mein eigenes Quad abgeholt. Ein wenig Ausgleich, ein wenig Freizeit, ein Stück Privatleben zurück nach so vielen Jahren! Dachte ich. Wie dieser Nachmittag mein Leben für immer verändern wird ahne ich noch nicht. Ich fahre durch einen kleinen Ort und merke, wie mein Fahrzeug in einer Spurrille nicht mehr zu lenken und zu halten ist. Ich fahre auf den Bordstein zu. Angst lässt mich erstarren, ich bewege mich nicht, ich bremse nicht. Im nächsten Moment sehe ich den strahlend blauen Himmel, den grauen Asphalt und den grünen Garten am Straßenrand im Wechsel, ich werde durch die Luft geschleudert. Auf den Händen und Knien lande ich auf dem harten Asphalt. Ich bin bei vollem Bewusstsein, kann aber nur schwer atmen. Meine Tochter liegt neben mir und weint verzweifelt und hilflos. Ich will schreien, kann aber nicht Luft holen. Ich will aufstehen, meine Tochter beschützen, sie in Arm nehmen und beruhigen. Ich kann mich aber nicht bewegen. Dann ist jemand da. Menschen die mich in Arm nehmen und auf den Rücken legen, mir vorsichtig den Helm ausziehen. Ich sehe meine Tochter nicht mehr, ich höre sie auch nicht, bekomme Panik. Ich höre nur ganz viele fremde Stimmen und sehe fremde Gesichter. Dann höre ich die vertraute Stimme meines Mannes, die ganz nah bei mir ist und mich zu beruhigen versucht. Verdammt. Ich habe Schmerzen. Starke Schmerzen, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Mein ganzer Körper brennt wie Feuer, ich will immer noch schreien, kann aber weder laut schreien noch mich bewegen. Fremde Hände heben mein linkes Bein hoch. Ich sehe meinen blutenden Fuß, Knochen und weiß nun, warum ich derartige Schmerzen habe. Ich versuche immer noch meine Tochter zu sehen oder zu hören und frage nach wo sie ist. Ihr geht es gut, sagt mein Mann. Ich glaube ihm aber nicht. Bis ich eine fremde Stimme in der Ferne rufen höre: „dem Mädchen geht es gut, die Frau ist schwer verletzt!“. Ich bin erleichtert, meinem Kind geht es gut. Der Krankenwagen ist da. Ein freundlicher Notarzt beugt sich über mich und erklärt, er sei vom Basler Luft-Rettungsdienst. Er fragt mich wie ich heiße, wo ich bin, welcher Tag heute ist. Ich beantworte leise seine Fragen. Aber ich bin wütend. Auf mich selbst, auf die Straße, auf das Quad, auf die Hitze, auf die Schmerzen, auf das Leben. Was habe ich nur angestellt! Warum habe ich nichts getan, um den Unfall zu verhindern? Ich flehe den Notarzt an mir Schmerzmittel zu geben. Irgendetwas, egal was, nur damit es aufhört. Er tröstet mich, ich würde gleich etwas bekommen. Meine Brust schmerzt, der Rücken, die Arme und Beine, ich atme nur flach und schwer. Man erklärt mir, dass ich einen Unfall hatte und jetzt mit einem Rettungshubschrauber nach Basel in die Uniklinik gebracht werde. Dann lassen die Schmerzen nach und ich falle immer wieder in Kurzschlaf. Man hat mir starke Schmerzmittel gegeben. In der Notaufnahme bekomme ich noch mehr Schmerz- und Schlafmittel. Ich schlafe immer wieder ein, wache vor qualvollen Schmerzen auf. Man erklärt mir, dass ich links einige Rippenbrüche habe, etliche Schürfwunden und Prellungen am ganzen Körper, dass mein linker Fuß schwer verletzt ist. Eine (gefühllose) Ärztin weckt mich, und während Morphin und Beruhigungsmittel durch meine Venen fließen und ich die Augen krampfhaft zu öffnen versuche um sie anzusehen, erklärt sie mir, dass meine Zehen beim Unfall abgetrennt wurden und sie in einer Not Operation versuchen wird alles wieder zu richten, sie könne aber nichts versprechen. Das Wort „Amputation“ fällt. Tränen laufen in Bächen über meine Wangen und Schläfen, ich spüre meine nassen Haare und feuchtes Kissen. Die Nachricht rüttelt mich wach, ich fühle wie mich pochende Schmerzen nahezu in Stücke reißen. Ich zittere und weine vor Angst, Verzweiflung und Wut, was die Schmerzen nur noch verstärkt. Hätte diese Nachricht nicht bis nach der Operation warten können? Konfrontiert man einen schwer verletzten, blutenden Menschen – der den Unfall mitbekommen hat und weiß, was ihm zugestoßen ist – direkt in der Notaufnahme mit der Amputation? Ich weiß es nicht. In diesem Moment kommt es mir jedenfalls falsch vor, mich darüber aufzuklären was passieren könnte, während man parallel versucht mich zu beruhigen. Ein freundlicher, einfühlsamer Arzt hilft, er betäubt die linke Seite und lässt mich zu Ruhe kommen und einschlafen. Mitten in der Nacht werde ich operiert. Wie folgenschwer der Unfall war, begreife ich noch gar nicht. Denke, dass alles wieder gut wird. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: es folgen 10 Monate voller qualvollen Schmerzen, die man mit Opiaten in den Griff zu bekommen versucht, die aber meine Seele verändern und mich teilweise komplett lahm legen. Ich verliere meine Lebensfreude, falle in ein tiefes Loch, bekomme Angst vor der Zukunft. Mein Leben wird nie wieder wie es war. Dazu erlebe ich den Unfall in meinen Träumen und auch im Wachzustand immer und immer wieder – mache mir Vorwürfe, nichts getan zu haben um ihn zu verhindern. Weiß nicht wohin mit der Wut auf mich selbst, auf die Welt. Aber meiner Tochter geht es gut, sie hatte nur ein paar Schürfwunden. Das ist das einzige was zählt. Das gibt mir Kraft und allein die Vorstellung, ich hätte ihr diese schweren Verletzungen zufügen können, lässt mein Blut in den Adern gefrieren, immer und immer wieder. Am nächsten Tag werden mir alle meine Verletzungen bewusst. Rippenbrüche lassen mich schwer atmen, sprechen oder liegen. Aufstehen darf ich nicht. Mein Fuß wurde gequetscht, ist dick angeschwollen, die Zehen wurden dran „gebastelt“ und werden nun mit Drähten zusammen gehalten. Mein Körper ist mehr blau und rot als hautfarben. Man pumpt mich mit Medikamenten voll, venös und mit Tabletten, Schmerzen habe ich trotzdem. Aber man sagt mir, es hätte schlimmer kommen können. Und es kam schlimmer. Neun Tage später muss ich wieder operiert werden. Dieser Tag wird für mich noch viel qualvoller als der Unfall selbst. Ich werde vorbereitet, in den kalten OP Raum geschoben, ich friere und zittere, man bindet meine Arme fest und ich höre und sehe Ärzte, die mit dem Eingriff schon beginnen. Ich bekomme so viel Schlafmittel, dass meine Atmung schon aussetzt – heißt es später – aber ich werde immer wieder wach. Ich weine, ich zittere und fühle mich so hilflos und verzweifelt wie noch nie zuvor. Dann zeigt man endlich Gnade und wirft den Plan um – ich bekomme Vollnarkose und schlafe ein. Fast neun Monate später, mit starken und anhaltenden Schmerzen, mehr Tiefen als Höhen, Angst und wunder Seele wird klar, warum eine der vielen Wunden nicht richtig heilt und höllische Schmerzen verursacht: ein übersehener Infekt. Weitere Untersuchungen folgen, ich werde erneut mit dem Wort Amputation konfrontiert und meine Welt bricht ein weiteres mal zusammen. Wie geht es einem dabei? Man will flüchten, man will sich verstecken, man will dass es endlich aufhört. Man will zerstören, sich die Seele aus dem Leib reißen, ja, man will sich einfach in Luft auflösen. Aber es gibt keinen Fluchtweg. Ich schaffe es, aus dem tiefen Loch wieder heraus zu krabbeln. Für meine Kinder, meine Familie die mich auffängt und mich braucht. Ich bereite mich so gut es geht auf diese weitere – und hoffentlich letzte – Operation vor. Sofern man sich auf so einen Eingriff vorbereiten kann. Ich arbeite hart an mir, jeden Tag, stelle mich auf das schlimmste ein: auf Opiate, auf höllische Schmerzen, darauf, dass ich den ganzen Weg nochmal gehen muss, ob ich es will oder nicht. Ich hoffe, dass es Fantasyroom weitere Monate ohne mich schaffen wird. Und ich überstehe es. Sogar viel besser, als ich jemals zu träumen gewagt hätte. Ich habe dazu gelernt. Ich habe Frieden mit dem Leben geschlossen, ich habe gelernt zu vergeben – mir selbst, dem Leben, den Umständen. Und ich kann wieder fast schmerzfrei laufen. Ich kann wieder Schuhe anziehen. Die letzte Operation, die gerade mal vier Wochen her ist, hat den Heilungsprozess stark beschleunigt. Ich kann wieder arbeiten. Ich werde nie wieder offene Schuhe tragen. Ich werde nie wieder barfuß über den Rasen oder den Sand laufen. Ich werde mich nie wieder auf einen Strandurlaub freuen. Es werden einige Jahre vergehen, bis die abgetrennten Nerven gelernt haben, dass da etwas war, aber nicht mehr ist, und sie keine (schmerzhaften) Signale mehr aussenden. Ich werde mich auch auf den Anblick irgendwann gewöhnen. Ich kann laufen ohne zu humpeln und auch wenn ich bei der Schuhauswahl eingeschränkt bin, sieht man mir die Verletzung gar nicht an. Die Wunden an der Seele werden auch heilen. Das weiß ich!

Aber was wir alle nicht wissen ist, was das Leben noch mit uns vor hat. Also genieße jeden Moment. Sei dankbar, dass du morgens alleine aufstehen kannst und beide Füße auf den Boden setzen kannst. Dankbar, dass du selbstständig zur Toilette gehen kannst, unter die Dusche, oder dir etwas zu essen machen kannst. Sei dankbar dass du eine Arbeit hast, denn von einer Sekunde auf die nächste können Existenzen zerstört werden. Sei dankbar dass deine Familie gesund ist. Dankbar dass sie für dich da ist und alles mit dir durchsteht und vergiss niemals, dass diese Menschen das wichtigste auf der ganzen Welt sind. Vertraue darauf, dass es Leben immer gut mit dir meint – bei Höhen wie bei Tiefen. Wo Licht ist, da ist auch Schatten – und beides ist vergänglich. Wenn es dir gut geht, genieß es und denke daran, dass es viel zu schnell vorbei sein kann. Wenn es dir schlecht geht, denke auch daran dass die schwere Zeit vorbei gehen wird. Sei dankbar, dass du in einem friedlichen, reichen Land lebst, selbst wenn du nur wenig zum leben hast (oder es denkst). Konzetriere dich auf Dinge die du hast, nicht auf Dinge die du nicht (mehr) hast. Und vergiss niemals dein Leben zu leben, egal wie hoch deine Arbeitsberge auch sein mögen – sie sind nur ein Teil von dem was dich umgibt, aber sie sind niemals der (einzige) Grund dafür, dass du auf diesem Planeten gelandet bist!

 
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