Gut gegen Nordwind

Vor einiger Zeit habe ich dieses Buch nahezu atemlos gelesen. Diese Woche fiel es mir eines Abends eher zufällig wieder in die Hand – und ich machte den „Fehler“, es aufzuschlagen und einen Blick über die ersten Seiten zu werfen. Es folgte eine schlaflose Nacht, in der ich (schon wieder atemlos) an jedem einzelnen Buchstaben förmlich „klebte“. Eine fesselnde Liebesgeschichte von Emmi und Leo, die nur in der virtuellen Welt stattfindet. Ein wunderbarer Email-Dialog zwischen zwei Menschen, die rein zufällig im Netz aneinander geraten und nicht mehr voneinander lassen können. Aus jeder Zeile sprudeln tiefste Gefühle, die den Leser überwältigen und ihn abwechselnd zum schmunzeln und zum weinen bringen, um ihn am Ende aufgewühlt zurückzulassen. Kann man sich in einen völlig fremden Menschen verlieben, dem man noch nie begegnet ist? Kann man den Drang verspüren, ihm Dinge zu schreiben die man niemandem anderen anvertrauen möchte? Kann man süchtig nach seinen Worten und Emails werden – in dem der Alltag und die reale Welt völlig unwichtig werden – weil dieser Mensch auf eine unerklärliche Weise einem so nahe steht? Kann man morgens, mittags, abends und dazwischen auch nur noch an diesen einen Menschen denken, in dem man seiner nächsten Email entgegenfiebert? Und kann man unendlich traurig sein, wenn diese nicht kommt? Ist das Liebe? Wenn ja, ist diese Liebe genauso echt, auch wenn sie nur virtuell statt findet? Wenn nicht, was ist denn „echte“ Liebe? Und gibt es Liebe die echter und intensiver ist, als die schmerzhafte Sehnsucht, die einem den Magen zerreist – obwohl man weiß, dass sie absurd ist. Und kann diese Liebe einer realen Begegnung standhalten? Kann derjenige, der diese Worte schreibt – so wie er sie schreibt – dem Vorstellungsbild des anderen, der sie liest, gerecht werden? Was, wenn nicht? Und was, wenn doch? Was, wenn nach einer langersehnten Begegnung aus der virtuellen Liebe zweier Menschen eine reale Liebe wird, der eine (oder beide) aber bereits vergeben ist (sind)? Wie lange kann man die Spannung und die Leidenschaft die zwischen den Zeilen schwebt ertragen, ohne den anderen sehen oder fühlen zu wollen? Und kann man auch in der virtuellen Welt Auseinandersetzungen und verletzende Streitereien verzeihen? Ja – und auch das ist die echte Liebe, es ist die Sehnsucht, und es ist der Wunsch, dem anderen bis ans Ende seiner Tage zu schreiben und ihn zu lesen: denn „schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen“…

P.S. Lesen!

 
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