Loslassen und Abschied nehmen

Wir arbeiten. Wir hetzen. Wir rasen von einer Aufgabe zur nächsten, oft bis zur völligen Erschöpfung. Wir „funktionieren“. Wir werden getrieben. Wir haben keine Zeit. Weder für unsere Liebsten, noch für uns selbst. Und das Schlimmste daran ist, wir sind fest davon überzeugt, dass es keinen Ausweg aus dem Hamsterrad gibt. Dass wir nichts daran ändern können. So lange, bis uns das Leben einen neuen Weg zeigt. Manchmal auf eine schmerzhafte, qualvolle Weise. Aber würden wir sonst unsere Lektionen lernen? Würden wir wachgerüttelt werden, wenn es nicht weh tun würde? Wenn die Herausforderung nicht so groß wäre, dass die Situation fast aussichtslos erscheint – würden all unsere Kräfte freigesetzt werden? Vermutlich nicht.  

Was für ein hartes, kräftezehrendes Jahr. Nach dem Unfall letzten Sommer wurde mein Leben zum Alptraum. Ich, ein Wirbelwind in Person, wurde aus dem Alltag herausgerissen und ans Bett gefesselt. Ich musste traumatische Operationen über mich ergehen lassen, mich mit Amputationen auseinandersetzen. Dinge, über die niemand nachdenken möchte (und sollte), Entscheidungen die niemand treffen sollte. Was für eine Freude, als ich Ende Oktober wieder erste Schritte ohne Krücken machen konnte. Was für eine intensive, emotionale Zeit mit meiner Familie. Ich war da und hatte auf einmal Zeit. Ganz viel Zeit. Ich hörte zu. Ich lernte meine Kinder von ganz anderen Seiten kennen. Ich ließ mir von meinem Sohn sagen, dass es gar nicht schlimm ist, wenn mir etwas den Boden unter den Füßen wegzieht – weil ich fliegen kann. Dass ich keine Angst haben soll, wenn ich nicht mehr ganz lange laufen oder spazieren gehen kann – die Länge entscheidet doch nicht darüber wie man einen Spaziergang erlebt oder wie wertvoll er ist. Mein Kopf machte nicht immer mit. Mein Herz auch nicht. Opiate machten aus mir teilweise eine „Hülle“, die nicht mal einen Satz zu Ende sprechen konnte. Aber wir standen es durch. Gemeinsam. Ende Februar versuchte ich wieder zu arbeiten. Ignorierte Schmerzen, ignorierte Ratschläge, zog wieder Schuhe an und war auf den Beinen – den ganzen Tag. Ich war wieder zurück. Erschöpft, kraftlos, innerlich ein Wrack, aber zurück. Dachte, die Arbeit würde mir die verlorene Kraft zurückgeben. Ich organisierte Fotoshootings unserer neuen Kollektionen und gab mir nicht die Zeit, die ich noch gebraucht hätte, um gesund zu werden. Für ein paar Tage arbeitete ich wieder von morgens bis abends und blendete alles andere aus. Bis zu diesem schrecklichen Tag Anfang März, als unsere Welt erneut auf den Kopf gestellt wurde – durch den Verkehrsunfall meines Mannes. Der Tag, den ich nie vergessen werde: der Polizeianruf der mich erreichte, die Notaufnahme, mein Mann verletzt auf der Liege, gerade aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Die Angst, die ich an diesem Tag hatte lässt sich gar nicht in Worte fassen. Vernichtende, zerstörende Gedanken machten sich wieder breit. Verletzungen, Brüche, Operationen, Krankenhäuser – alles war wieder präsent. Und dabei war ich noch nicht mal gesund. Nicht nur Fantasyroom hat uns nach vielen harten Monaten meiner Abwesenheit dringend gebraucht: Zuhause waren zwei völlig verstörte Kinder, die die Welt nicht mehr verstanden und Angst um ihre Eltern hatten. Ratlosigkeit und Entsetzen herrschten im Team und unter den nahestehenden Lieferanten. Nach zwei Operationen brauchte mein Mann Hilfe und war auf mich angewiesen. Jede Stunde, jede Sekunde erinnerte mich mein nässender, vor Schmerzen pochender Fuß daran, dass etwas nicht stimmte und ein Arztbesuch dringend notwendig war. Aber ich hielt durch, weil es andere Prioritäten gab. Sechs Wochen später, als wir dachten, diese harte Zeit würde endlich hinter uns liegen, und wir uns gerade wieder „gefangen“ hatten, erfuhr ich in weiteren Untersuchungen vom Knochenbefall in meinem Fuß und vom nächsten Eingriff dem ich zustimmen muss, um nicht den kompletten Vorfuß zu verlieren. Kurz davor kündigt die Näherin – während wir mit Fotoshootings beschäftigt sind und wenige Tage bevor die Kollektionen, die sie näht, veröffentlicht werden sollen. Kurz danach fällt ein wichtiger Mitarbeiter für lange Zeit aus, der uns in dieser schweren Zeit den Rücken gedeckt hat. Und genau dazwischen fiel sie: die Entscheidung, das Ladengeschäft aufzugeben, weil es auch andere Wege gibt. Weil uns der Erfolg der Firma um unser Leben betrügt – zumindest empfanden wir es so. Weil wir zu viele Baustellen haben und keine Kraft mehr, uns um alle zu kümmern. Weil es noch eine Welt außerhalb von Fantasyroom gibt, die wir für viele Jahre komplett aus den Augen verloren hatten. Weil das Leben etwas Besseres mit uns vor hat!

Vertrauen. Wenn man lernt darauf zu vertrauen, dass alles was passiert „für etwas gut ist“, öffnen sich neue Türen. Wenn man begreift, wie kostbar jeder einzelne Moment mit unseren Liebsten ist und wie schnell alles vorbei sein kann, lernt man, ihn voll und ganz zu genießen und überlegt genau, womit man seine Zeit verbringt. Wenn man in der Lage ist aus Schicksalsschlägen zu lernen und selbst aus so viel Schmerz und Leid etwas Positives für sich zu ziehen, sieht man plötzlich Wege, die vorher versperrt schienen. Wenn man versteht, dass es gar nicht darum geht keine Probleme zu haben – weil das unmöglich ist – sondern darum, stark genug zu sein um diese zu lösen, sieht man die Dinge mit anderen Augen. Hätte ich auf diese tragischen Unfälle gerne verzichtet? Definitiv! Auf die Zeit, die mir dadurch geschenkt wurde um nach dreizehn Jahren inne zu halten, mein Leben und meine Wege komplett zu überdenken und endlich zu begreifen worauf es im Leben ankommt, (was übrigens die schwerste Übung von allen ist)? Niemals. Dieses harte Jahr hat einen völlig anderen Menschen aus mir gemacht. Ich wurde mit der Gelassenheit beschenkt, Dinge die ich nicht ändern kann zu akzeptieren und trotzdem das Beste aus ihnen zu machen. Endlich zu begreifen, dass es Situationen gibt die so genommen werden müssen wie sie sind, und nicht so wie ich sie mir ausgemalt habe – und trotzdem nicht enttäuscht zu sein. Unseren Hochzeitstag im Mai verbrachten wir nicht wie geplant im Urlaub, sondern auf der Liege im Garten, neben einer Feuerstelle, mit dickem Verband um meinen frisch operierten Fuß, zusammen mit unseren Kindern – und es war wunderschön, wenn auch „anders“. Die Schmerzen, die ich bei fast jedem Schritt habe – und vermutlich immer haben werde – werden dafür sorgen, dass ich das Gelernte nie wieder vergesse. Ich gehe endlich angstfrei durchs Leben: wenn man schon mal in der Situation war, sich am Tag vor dem Eingriff von den eigenen Körperteilen verabschieden zu müssen, weil sie am nächsten Tag nicht mehr da sein werden, dann weiß man, dass man alles meistern kann was einem zustößt. Ja, das war meine Art, mich auf den letzten Eingriff vorzubereiten: mit Loslassen und Abschied Nehmen. Weil mir nichts Besseres einfiel und weil ich hoffte, es würde helfen. Und es half.

Gestern lief ich zum letzten Mal durch die leer geräumten Flächen in unserem Ladengeschäft. Und während sich im Kopf ganz viele alte Bilder abspielten – vom Ausbau vor sieben Jahren, vom Tapezieren der über 300qm Fläche, von der Eröffnung Ende Oktober 2010 – nahm ich auch hiervon Abschied. Es war ein Lebensabschnitt, den ich nicht missen möchte. Er war wichtig und richtig und damals ein großer Traum, der wahr wurde. Aber manche Träume werden auf Dauer zur Belastung und bereiten keine Freude mehr. Und dann muss man stark genug sein sie loszulassen, auch wenn es schwer fällt und endgültig ist. Ich habe das Glück gelernt zu haben, wieviel Kraft in mir steckt. Ich bin dankbar, endlich den Mut zu haben meine Firma so zu führen wie ich es für richtig halte und nicht wie es Andere von mir erwarten: Aufgaben komplett neu zu verteilen, nicht mehr in sondern an der Firma zu arbeiten und im Homeoffice fokussierter und produktiver zu sein. Ich trage meine Firma im Herzen und bin stolz darauf, sie damals aus dem Nichts aufgebaut zu haben, ohne Mitteln und aus eigener Kraft. Mittlerweile weiß ich, auf welche Art von Menschen ich in meinem Team verzichten kann: weil sie der Firma mehr schaden als nutzen, weil sie meine Zeit und Kraft rauben, weil sie das komplette Team ausbremsen. Ich bin dankbar dafür, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde – sonst hätte ich nicht gelernt, mich zu fangen. Und ja, ich arbeite (immer noch) viel. Viel zu viel und oft bis in die Nacht. Aber meine Arbeit hat sich vom negativen, erdrückenden Stress der mir früher die Luft zum Atmen nahm in den positiven „Stress“ gewandelt. Und diesen brauche ich, um glücklich zu sein. Ich bin nicht mehr ferngesteuert und werde nicht von den Umständen durch den Alltag geschleudert. Ich bin für meine Familie da. Und die gemeinsamen Spaziergänge? Sie sind mein Highlight, jeden Tag. Bei Wind und Wetter. Mal kürzer, mal länger, mal mit mehr und mal mit weniger Schmerzen, und manchmal sogar fast schmerzfrei – aber sie sind immer erfüllend und voller schönen Momenten, die uns niemand nehmen kann.

 
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