Unkraut weg

Unser Laden befindet sich direkt an der belebten Basler Straße in Lörrach. Das Lager befindet sich hinter´m Haus. Dazwischen gibt es ein bisschen Hof mit ein paar vermieteten Stellplätzen für Autos und Mülltonnen (wobei die vorgemerkten Plätze für Mülltonen natürlich überflüssig sind, die Tonnen stehen nämlich immer schön in einer Reihe vor unserem Schaufenster – aber das hatten wir ja schon mal). Jedenfalls ist im Hof auch ein Hauseingang. Dieser Eingang führt zu einer bestimmten Wohnung. In dieser Wohnung wohnt eine alte Dame (wobei sie sich den Rest ihrer Wohnung eigentlich sparen könnte, denn sie lebt so zu sagen am Fenster). Von diesem Fenster aus hat die alte Dame Tag und Nacht den ganzen Hof im Blick: alle Autos, alle Mülltonnen (sofern sich die eine oder andere an ihrem Platz veriirt natürlich), das Geschäft ihres Sohnes, seine und unsere Lieferanten, unser Lager – und mich. Mehrmals am Tag renne ich aus dem Laden ins Lager und umgekehrt um Kartons zu entsorgen oder Ware zu holen. Seit ca. 4 Wochen wird meine Rennerei auch akustisch begleitet: Machen se ma Unkraut weg! Machen se ma Unkraut weg! Anfangs dachte ich, es sei ein Papagei dem dieser Befehl beigebracht wurde – bis ich die Dame am Fenster entdeckte. Was tun? Nichts natürlich bzw. ignorieren: tagsüber habe ich keine Zeit und nachts besseres zu tun als Unkraut zu zupfen (außerdem bin ich die letzte die für´s Unkrautzupfen hinter´m Haus zuständig ist). Ein paar Wochen des anstrengenden Ignorierens vergehen, jetzt will es aber die alte Dame wissen: sie verlässt ihre Wohnung ähm ihr Fenster und verfolgt mich ins Lager. Ausgerechnet dann wenn ich auf der Leiter stehe und meinen Kopf zwischen den Wickelauflagen stecken habe dröhnt es an der Lagertür: Machen se ma Unkraut weg! (Übrigens kann ich jetzt bestätigen, dass Menschen die selbst schlecht hören sehr laut sprechen – selbst durch die Wickelauflagen gedämpft war ihre Stimme so laut, dass ich beinahe von der Leiter flog). Was tun? Flüchten zwecklos, denn die Dame steht wie eine eins an der Tür, fest entschlossen mich zur Gartenarbeit zu verdonnern – und das Lager hat leider nur eine (Tür). Stellen wir uns also den sinnlosen Diskussionen. Nun versuche ich der Dame schonend (für uns beide) beizubringen, dass dieses Unkraut ganz bestimmt nicht meine Aufgabe ist und ich keine Zeit dafür habe. Anschließend wird mir klar, sie hat kein Wort verstanden: Jetzt machen se doch ma Unkraut weg! Ich schnappe mir einen Stapel Wickelauflagen aus dem Regal und höre mich sagen: Jetzt packen se doch ma mit an! Hat funktioniert: die Dame verlässt schimpfend das Lager und nimmt ihren Stammplatz am Fenster wieder ein. Kaum bin ich aus dem Lager wieder raus, höre ich sie rufen: Machen se ma Unkraut weg! Ich bücke mich, zupfe mit jeder Hand ein Blatt aus und rufe zurück: hab´ leider beide Hände voll! Die Dame hat keine Lust mehr: sie macht das Fenster zu. Drei Stunden später: unsere Spedition holt Möbel ab. Der Fahrer steigt aus dem LKW und die alte Dame steht wieder am Fenster: Machen se ma Unkraut weg! Um die Ecke kommt DPD Fahrer der auf der Suche nach mir ist, weil er Pakete im Laden abholen möchte. Die Dame erblickt ein neues Opfer: Jetzt machen se doch ma Unkraut weg!

Fassen wir mal kurz zusammen: seit mindestens vier Wochen jedem der sich im Hof blicken lässt „Machen se ma Unkraut weg“ hinterher zu rufen verbraucht viel mehr Energie, als einmal die Wohnung ähm das Fenster zu verlassen und den Kampf gegen das Unkraut selbst in Angriff zu nehmen. Ich mache mir Sorgen: sollte sie sich aus dem Hof hinaustrauen und unsere Ladentür entdecken habe ich bald einen neuen Job – ob ich es will oder nicht. Dann bekommt unser Anrufbeantworter einen neuen Text: ich kann ihren Anruf leider nicht persönlich entgegennehmen, ich mache ma Unkraut weg!

 
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